Was ist Design-Fixierung?
Den Begriff haben David Jansson und Steven Smith 1991 in der Fachzeitschrift Design Studies geprägt. Wer vor einer Gestaltungsaufgabe ein Beispiel gesehen hatte, übernahm dessen Merkmale deutlich häufiger als eine Vergleichsgruppe ohne Beispiel, bei Studierenden wie bei Berufserfahrenen, und zwar auch Merkmale, die der Aufgabe widersprachen. Fixierung ist damit kein Mangel an Talent, sondern ein Effekt der Reihenfolge: Das erste Bild setzt den Rahmen, in dem weitergedacht wird.
Für Laien ist der Effekt besonders gut belegt. Evangelia Chrysikou und Robert Weisberg ließen 2005 im Journal of Experimental Psychology 89 Personen ohne Gestaltungsausbildung eine Aufgabe lösen, aufgeteilt in drei Gruppen: ohne Beispiel, mit einem fehlerhaften Beispiel samt Beschreibung seiner Fehler, und mit demselben Beispiel plus der Bitte, die Fehler zu meiden. Die Teilnehmenden lasen die Aufgabenstellung, folgten aber dem Beispiel, auch seinen ungeeigneten Elementen. Die ausdrückliche Gegenanweisung schwächte den Effekt ab, ein zweiter Versuch mit 60 Personen bestätigte das.
Im Projektalltag zeigt sich Fixierung, wenn ein früh gezeigter Entwurf zum Maßstab wird, bevor die Anforderungen feststehen. Referenzen und Moodboards sind deshalb nicht verboten, entscheidend ist, was vorher auf dem Tisch liegt: aufgeschriebene Anforderungen, mehrere Richtungen statt einer, Beispiele mit dem Satz, was davon nicht übernommen werden soll. Abzugrenzen ist der Begriff vom Styleguide und vom Design-Token. Dort ist die Festlegung gewollt und begründet, bei der Fixierung passiert sie, ohne dass jemand sie beschlossen hat.
Warum ist Design-Fixierung wichtig?
Im Versuch von Chrysikou und Weisberg reichte ein einziges gezeigtes Beispiel, damit Laien dessen ungeeignete Elemente übernahmen, obwohl die Fehler beschrieben waren. Wer im ersten Gespräch einen Entwurf sieht, bevor die Anforderungen stehen, misst alles Weitere an diesem Bild. Eine vorher aufgeschriebene Anforderung ist die einfachste Gegenanweisung.
Design-Fixierung in der Praxis
- 01Eine Geschäftsführerin bekommt im Erstgespräch drei Startseiten gezeigt und spricht danach nur noch über Farben, obwohl ihr eigentliches Problem die Qualität der Anfragen war.
- 02Ein Team legt vor dem Workshop fünf Anforderungen fest und prüft jeden Entwurf zuerst dagegen und erst danach auf Geschmack.
- 03Eine Agentur zeigt Referenzprojekte nur zusammen mit einem Satz, welcher Teil davon für das neue Projekt ausdrücklich nicht gilt.


